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Schritt in die Zweiklassengesellschaft?

Iserlohn Als stromlinienförmiger Fußball-Manager, der nur die Belange der Profis im Auge hat, ist Oliver Ruhnert, der Geschäftsführer Profifußball bei Union Berlin, noch nie in Erscheinung getreten. In Iserlohn ist er nach wie vor mit der sportlichen Leitung beim FCI-Nachwuchs betraut, kennt also auch die Basisarbeit bis ins kleinste Detail. Und deshalb hat er eine eindeutige Meinung zu den Plänen des DFB, den Leistungsfußball komplett umzukrempeln und unter anderem auf die Bundesligen der U19 und U17 zu verzichten. Die Nachwuchs-Leistungszentren, bundesweit immerhin 56, sollen einen eigenen Wettbewerb austragen, von der U14 an aufwärts soll es neue Regeln geben. Ziel ist es, die Talente besser zu fördern und mit den U-Nationalmannschaften international wieder erfolgreicher zu sein.

„Es geht letztlich um eine Trennung von Profi- und Amateurfußball, und das ist ein völlig falscher Ansatz“, kritisiert Ruhnert. Er betont, dass es im Land genügend Talente gebe, dass diese aber nicht effektiv gesichtet und gefördert würden. „Wenn heute Spieler für eine U15-Auswahl nominiert werden, dann bleiben die oftmals bis zur U19 dort. Da wird zu wenig nach links und rechts geschaut.“

Er ist überzeugt, dass es bei einem Verein wie dem FC Iserlohn Spieler geben kann, die besser sind als viele, die in Leistungszentren aktiv sind. „Aber diese Jungs fallen durchs Sieb, weil man sie nicht im Blick hat.“ Der Union-Manager verweist auf die ganz wichtige Kette in der Vereinslandschaft. Sie beginnt bei dem kleinen Dorfverein, der seine größten Talente an den Marktführer in der Region abgibt. Und der wiederum ist Zulieferer für die Profiklubs. „Das sind die A-Vereine, und die müssen ein Interesse daran haben, dass die B-Vereine stark bleiben. Doch genau das wird mit dem neuen Konzept in Frage gestellt.“

Denn die Amateurvereine hätten keine Chance mehr, sich mit den Profis zu messen, wie es heute in den Bundesligen der Fall ist, ein großer Anreiz in der Nachwuchsarbeit ginge somit verloren. Die Leistungszentren sollen dauerhaft unter sich bleiben, Auf- und Abstieg sind nicht mehr vorgesehen. Dass man eine Deutsche Amateurmeisterschaft einführen und auch den Amateuren ein Startrecht im künftigen U19-Pokal einräumen will, hat für Ruhnert lediglich Alibifunktion.

Das grundlegende Problem wird nach seiner Überzeugung nicht gelöst. Er hat als langjähriger Leiter der Schalker Knappenschmiede die Entwicklung vieler Talente im Profibereich verfolgt und bewertet die nationalen Auswahlteams skeptisch. „Julian Draxler, Leroy Sané oder Manuel Neuer haben in keiner U-Nationalmannschaft gespielt. Das sollte man auch auf dem Schirm haben.“

Plädoyer für die bestehende Kette in der Vereinslandschaft

Ruhnert spricht sich dafür aus, dass sich die Nachwuchsleistungszentren nicht um Acht- oder Neunjährige kümmern. „Wenn man bei der U14 oder U15 beginnt, reicht das aus.“ Bei den jüngeren Jahrgängen will er den Leistungsgedanken in den Hintergrund drängen und plädiert dafür, Tabellen frühestens bei der U13 zu erstellen. Seine Befürchtung: „Alle Talente werden in die Leistungszentren drängen, aber da können auch nur elf Leute spielen. Und man muss sich fragen, was aus denen wird, die den Anforderungen nicht genügen.“

Als führender Kreisverein im Nachwuchs wäre der FC Iserlohn besonders betroffen. Der war in der Vergangenheit bereits in den höchsten Ligen vertreten und will dort auch wieder hin. Mit der neuen Struktur kann man dieses Ziel begraben, und dementsprechend groß ist das Unverständnis bei Jugendleiter Jörg Pantring. „Damit wird eine Zweiklassengesellschaft eingeführt, und man gräbt den Amateurvereinen das Wasser ab.“

Ein Verein wie der FCI könnte nach seiner Einschätzung unattraktiv werden, weil er nicht mehr als Sprungbrett in Richtung Bundesligaklub dient. „Und dann muss man sich fragen, ob sich der Aufwand, den wir jetzt betreiben, überhaupt noch lohnt.“ Die U17 der Iserlohner misst sich in der Westfalenliga derzeit unter anderem mit den U16-Teams von Schalke 04, Borussia Dortmund und VfL Bochum. Solche Vergleiche gäbe es nicht mehr, die Liga würde an Reiz verlieren.

Gerade hat der Verein die Bestätigung erhalten, dass er von der DFL für die einstige Ausbildung des Freiburger Jungprofis Niclas Tiede knapp 9600 Euro erhält. Ob man in einem neuen System noch auf Finanzspritzen hoffen darf? Jörg Pantring wünscht sich Widerstand gegen die DFB-Pläne. „Kein Spieler wird im Leistungszentrum geboren. Es muss im Interesse des Verbandes ein Konzept geben, die Leistungsfähigkeit der Amateurvereine in der Nachwuchsarbeit zu erhalten.“

 

Quelle: IKZ, Willy Schweer